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23.10.2026
Blick durch Applaus-gebärdende Hände auf die Bühne

Der Tag der nicht sichtbaren Behinderungen ist noch jung: erst 2024 wurde er von der Initiative Stille Stunde (organisiert im Verein „gemeinsam zusammen e.V.“) ins Leben gerufen. Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen haben häufig einen hohen Leidensdruck: Sie erleben , dass sie sich rechtfertigen müssen, weil man ihnen nicht ansieht, womit sie vom „Funktionieren“ abgehalten werden. Häufig werden ihre Signale nicht ernst genommen, wenn sie nicht öffentlich mit einer offiziellen Diagnose belegt werden. 

Team Stille Stunde auf der Bühne
Team Stille Stunde
Markus Leßmann bei seinem Grußwort
Markus Leßmann, MAGS NRW
Blick in den Veranstaltungssaal
Im Veranstaltungssaal: gedimmtes Licht, DGS-Monitore und Audiodeskription

Zuspruch von Institutionen, Vereinen und Verbänden

Das Team der Stillen Stunde und kooperierende Vereine, Organisationen, Verbände und viele Teilnehmende machten den 20.10. 2026 zu einem Festival der Sinne, nicht perfekt, aber authentisch, wie Rebecca Lefèvre, Leiterin der Initiative Stille Stunde, betonte. Manfred Leichtweis, stellvertrender Bürgermeister der Stadt Gelsenkirchen übernahm die eröffnende Begrüßung – mit persönlichen Überlegungen. Ihm lägen Stille- und Ruhe weniger, meinte er, verstehe aber, dass sie für andere Menschen essenziell sind. Er will das Konzept von LIORA in seiner Stadt weitertragen. Markus Leßmann, seit drei Jahren Abteilungsleiter Soziales beim Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW hob hervor, dass er froh sei, diese interessante Veranstaltung miterleben zu können. Seine Abteilung beschäftige sich auch mit dem Thema Inklusion – er überbrachte die Grüße des Ministers (Laumann) und der Landesbehindertenbeauftragten für Menschen mit Behinderungen in NRW Claudia Middendorf, die beide durch eine urlaubsbedingte Auszeit verhindert waren. Markus Leßmann brachte auch die MCFS – Schicksale und Nachwirkungen der Coronapandemie in seiner Rede ein. Er sei froh, dass an diesem Abend ein breites Bündnis für Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen hinter der Veranstaltung stehe, das brauchten wir derzeit in dieser Gesellschaft. Manches mache ihm Sorge und er fürchte, dass es politisch vielleicht wieder etwas schwerer, würde. Andererseits stehe man in NRW- vor allem im Ruhrpott zusammen. „Wir versuchen, die Rahmenbedingungen in NRW gemeinsam mit anderen (den Landschaftsverbänden) weiterhin gut zu gestalten.“

Verschiedene Medien für unterschiedliche Bedarfe

Im Verlauf des Abends wechselte Stille mit durchaus lauten Programmpunkten: Durch den emotionalen Song der ESC-Finalistin Molly Sue: „Optimist“, dem speziell für von der Band Pils und Kippe komponierten Song „Menschen lesen“ und Operngesang von Viktoriia Sykal als beeindruckenden Soundtrack zu einer inklusiven Modenschau wurden die Ohren angesprochen. Audiodeskription wurde zwischenzeitlich im gesamten Raum, oft zusätzlich über Kopfhörer angeboten. Eine Tanzperformance, Gebärdensprachdolmetschung, sowie im Raum verteilte Ausstellungsplakate und ein die Vorstellung eines Filmtrailers boten visuelle Highlights. 

Dass eine völlige Barrierefreiheit jederzeit und für alle gleichermaßen nicht möglich ist, erkennt Rebecca Lefèvre an- denn es gibt Bedarfe, die sich widersprechen: manche Menschen haben Probleme mit Geräuschen, andere hören gern Musik. In Gelsenkirchen gab es einen Kompromiss. Kopfhörer zur Geräuschdämpfung wurden angeboten. Und: Bis auf einen kurzen akustischen Schlussapplaus hielten sich die Teilnehmenden an den Appell, nicht laut zu reden und zu klatschen, sondern zu flüstern und ihre Freude und Zustimmung mit dem Gebärdenzeichen der „tanzenden“ Hände auszudrücken. Daher war es über weite Strecken trotz vieler Anwesender ruhig im Veranstaltungssaal. 

Auch bei der beeindruckenden künstlerischen Gebärden-Performance von Choreograf Dodzi Dougban blieb es still, was seiner Erlebenswelt näherkommt, als ein Tanz zu Begleitmusik, die er selbst nicht hätte hören können.

Die Anwesenden konnten den Gesprächen von Moderatorin Rebecca mit ihren Gästen, und den  Hintergrundinformationen aus dem Off, von Lisa Schmidt gelesen, viele Aspekte zu den nicht sichtbaren Behinderungen entnehmen.

Gebärden-Performance von Dodzi Dougban
Dodzi Dougban - Choreograph
Vortrag Milena Wolf
Milena Wolf vom KSL.Arnsberg
Podium mit Peter Kunz, Rebecca Lefèvre und Kevin Kuhrt
Peter Kunz, Rebecca Lefèvre und Kevin Kuhrt im Gespräch

Persönliche Sichtweisen wurden offenbart

Milena Wolf vom KSL.Arnsberg schilderte in einer kurzen Utopie, wie ihr Lieblingscafé aussehen würde. Als Autistin würde sie vieles individueller gestalten. Und sie fragt sich, wie eine Welt aussehen würde, in der Aut*istinnen die Gesellschaft mitgestalten könnten, weil sie gleichberechtigt am ersten Arbeitsmarkt teilnehmen könnten, ohne dass sie dabei krank und erwerbsunfähig werden. Im anschließenden Gespräch wurde deutlich: Obwohl Milena und Rebecca höchst unterschiedliche Persönlichkeiten sind, können sie als Peers doch extrem gut zusammenarbeiten (wie beispielsweise in der AG Neurodivergenz der NaSPro): Sie nehmen Änderungsvorschläge oder versäumte Termine nicht persönlich, sondern verstehen.

Verständnis ohne große Worte, das wünschen sich auch die Vertreterin des Angelmann-Vereins, Tini Gerlach und Nevim Krüger vom Bundesverband FASD. Beide sind selbst Eltern von Kindern mit den jeweiligen Diagnosen und sie versuchen, andere Eltern in ihrem oft harten Alltag zu unterstützen- und die Familien etwas aufzufangen. Viele ihrer Mitglieder wären über regelmäßige Entlastung durch Kinderbetreuungsangebote und kleine Familienauszeiten mit einem Kinobesuch bereits dankbar so ihre Anregung.  FASD sollte außerdem von den Schuldzuweisungen an die Mütter befreit werden. Sie führen schon zu lange zu Tabuisierung und unnötigen Leid, so Nevim Krüger.

Podium mit Moderatorin und Tini Gerlach und Nevim Krüger
Podium mit Tini Gerlach und Nevim Krüger
Sängerin Molly Sue formt das Cor-Zeichen
ESC-Finalistin Molly Sue beim Soundcheck
Lisa Schmidt liest die Zwischeninformationen- notiert in Braille
Lisa Schmidt - Stimme aus dem Off

Bei einer kurzen Talkrunde mit Kevin Kuhrt und Peter Kunz wurde deutlich, dass Leid auf vielen Ebenen entsteht, weil Verständnis und offenes Miteinander fehlen: Kevin Kuhrt hat mehrfach Versuche unternommen, sich in die Arbeitswelt einzubringen. Bisher wurde er nicht so angenommen, wie er ist. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, mithilfe seiner eigenen Geschichte über Tourette und Depressionen andere in diesem Themenfeld aufzuklären. 

Offenheit ist auch das Leitthema von Peter Kunz, der eine filmische Dokumentation mit Zeugen von Gewalt in der Eingliederungshilfe gedreht hat- ein Thema, mit dem sich seiner Erfahrung nach viele Institutionen schwertun. Er bot an, seinen Film im Rahmen von gemeinsamen Aktionsveranstaltungen zu zeigen, denn er ist überzeugt: Regelmäßiger Austausch in Systemen kann dazu beitragen, besser mit Gewalt umzugehen.

Sema Gedik, Raúl Krauthausen, Rebecca Lefèvre
Podium mit Sema Gedik und Raúl Krauthausen
Sängerin Viktoriia Sykal begleitet die Modenschau
Modenschau- Auf Augenhöhe mit Opernsängerin Viktoriia Saykal
Die Modenschau-Teilnehmenden formen zum Abschluss das Cor-Zeichen
Die Models - Stil und Klasse!

Impulse bringen Inklusion voran- auch wenn sie dann nicht mehr so heißt

Während der Modenschau von Sema Gedik mit ihrem inklusiven Label „Auf Augenhoehe“ konnten alle kurzzeitig in die Welt der Textilgestaltung eintauchen: Jedes Model trug elegant geschnittene Kleidungsstücke, die sowohl farblich wie stilistisch auf die Träger*innen abgestimmt waren. Zusammen mit dem Operngesang von Viktoriia Sykal ergab sich ein aufwendiges Gesamtbild, für das einige Models von weither angereist waren.  Sema Gedik fand, dass die inklusive Modepräsentation in der Glückauf – Halle sie ihrem Wunschziel „Eine Welt für alle in der Mode“ noch einmal nähergebracht hat. Bisher hat sie vor allem Mode für Kleinwüchsige produziert, und ein Konfektionssystem für diese Gruppe entwickelt. In Gelsenkirchen waren die Models höchst divers, und ein angepasstes Konfektionssystem funktionierte auch hier. So überlegt Sema für künftige Verhandlungen in der Modebranche, nur noch Portfolios ohne das Label „Inklusion“ zu verteilen, auch wenn die Mode weiterhin in diesen von ihr entwickelten Konfektionssystemen angeboten werden soll. „Wir hören ein bisschen auf, zu labeln und stellen den Mensch in den Mittelpunkt.“

Aktivist Rául Krauthausen schätzt ihre Mode- und hat sie anlässlich seiner Hochzeit auch selbst schon getragen. Er meinte im Podiumsgespräch mit Rebecca Lefèvre und Sema Gedik: „Schulden wir anderen unsere Diagnosen?“ Er hält es in vielen Fällen für hinderlich, sich in Gesprächsrunden mit seiner Diagnose vorzustellen, anstatt über weniger private Themen zu sprechen. „Es geht vor allem darum, uns zu glauben. Wir würden in einer schönen Welt leben, wenn jemand sagt: das brauche ich, und die anderen glauben es und machen es möglich.“ Wir bräuchten dazu mehr Vertrauen, findet er. Und: Er sei schon viel zu lange Aktivist, nenne sich aber weiterhin so, weil er denkt, dass wir alle aktiv werden müssen. Menschen mit Behinderung sollten durch Barrierefreiheit mehr Chancen bekommen und beispielsweise sagen können: Seht her, meine Arbeit! Nicht die Teilung der Gesellschaft, sondern gemeinsames Erleben führt seiner Ansicht nach zu diesem Ziel.

Markus Leßmann bekommt das Herz-Hirn überreicht
Rebecca Lefèvre überreicht das Herz-Hirn Logo in 3 D an Markus Leßmann
Finale - mit allen auf der Bühne
Die Aktiven beim großen Finale
Gebärdenapplaus
Tanzende Hände - für die Veranstaltung

Bühnenfinale- aber die Arbeit geht weiter

Im Anschluss fand auf der Bühne noch ein großes Finale statt: Markus Leßmann. Leiter der Abteilung Soziales beim Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales (MAGS) bekam den – zunächst „unsichtbaren“ - Herz-Hirn Logo-Preis überreicht. Stellvertretend für das Land NRW, wo sich laut Laudatio von Rebecca Lefèvre bereits viele Forschungsprojekte mit dem Thema Inklusion beschäftigen.  Markus Leßmann dankte und nahm den Preis vor allem als Ermutigung für weitere Anstrengungen in diesem Bereich an.

Die Akteur*innen des Abends genossen gemeinsam den Song „Menschen lesen“ von Pils und Kippe und formten mit ihren Händen das Cor-Symbol: Herz und Hirn stehen dabei für Empathie und Wissen. Das Cor-Zeichen soll nonverbal auf besondere Bedarfe hinweisen. Ebenso wie die international bekannter werdende Sonnenblume eine gute Möglichkeit, ohne viele Worte Verständnis zu erbitten und zu signalisieren. 

LIORA, der Name des Events, stellt ein neu erdachtes Leitsystem im Bereich der Inklusion dar- es soll Orientierung bieten und Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen zur Anerkennung und zu ihren Rechten verhelfen. Menschen sollen durch allgemeingültige Normen bessere Bedingungen vorfinden: beispielsweise soll eine Norm den Lärmpegel im Wartezimmer niedrig halten.  Oder eine andere soll flackerndes, grelles Licht im öffentlichen Raum verhindern. Auch chemische Barrieren wie Duftstoffe in Reinigungsmitteln oder die Ausdünstung von neuen Möbeln sollen vermieden werden. LIORA plädiert auch für mehr Freiheit im Umgang mit Zeit: Pausen sollten flexibel möglich sein und Termine weniger starr gehandhabt werden. Im Bereich der öffentlichen Kommunikation sollten durch Einfache Sprache und verschiedene Formate wie DGS oder Audiotranskription oder Schriftdolmetschung parallel verschiedene Informationskanäle bereitgestellt werden. 

Dies wurde beim Festival „Auf Schalke“ weitgehend erfüllt – und von den Teilnehmenden entsprechend honoriert. Ebenso war der Zulauf an den Infoständen im Eingangsbereich hoch, wo auch die KSL.NRW vertreten waren. Es wurden gute Gespräche geführt und empowernde Informationen geteilt. 

Ausstellungsplakate
Kunst: Plakate im Saal
KSL.NRW-Stand im Foyer
Am Stand der KSL.NRW
Das 3D Modell des Herz-Hirn Logos
Das Herz-Hirn als 3 D-Ausdruck wurde übergeben
Infostand der KSL.NRW
Stand der KSL.NRW - wir waren aus verschiedenen Regionen vor Ort (dies Foto & Titelbild: Christian Jurko, weitere Fotos: Martina Hengesbach)