Am 19. Juni 2026 luden das KSL.Köln und das Seniorennetzwerk Niehl zu einer besonderen Lesung ein. Während draußen ein Gewitter tobte, kam das Publikum in gemütlicher Wohnzimmeratmosphäre mit Udo Sierck im Seniorennetzwerk Niehl zusammen.
Udo Sierck stellte sein neues Buch „Frech und frei – 50 Jahre Kämpfe der Behindertenbewegung" vor. Der Autor, der die deutsche Behindertenrechtsbewegung mit seinem Engagement geprägt und vorangetrieben hat, erzählte frei von seiner eigenen mit Hürden versehenen Laufbahn, der Entwicklung der Hamburger „Krüppelgruppe“ und bedeutsamen Aktionen der Aktivist*innen ab Ende der 70er-Jahre. Dazu gehörte zum einen die Besetzung einer Villa mit dem Ziel, sie zu einem Ort für selbstbestimmtes Wohnen behinderter Menschen umzubauen, die zu der Zeit noch nicht verbreitet waren. Die Forderung dahinter: Menschen mit Behinderung sollen aus ihrem Elternhaus ausziehen und selbstbestimmt und sicher wohnen können. Ein Problem, über das Sierck auch schon in seinem Buch „Macht und Gewalt“ geschrieben hatte, war, dass keine Entnazifizierung stattgefunden hat und ehemalige NS-Offiziere nach dem Krieg nahtlos in Betreuungseinrichtungen für Menschen mit Behinderungen übergegangen sind und dort für Missbrauch und menschenunwürdige Bedingungen verantwortlich waren. Darüber hinaus prangerte die Gruppe öffentlich an, dass humangenetische Beratungsstellen dazu beigetragen haben sollen, dass zahlreiche Mädchen und Frauen mit anderen Lernmöglichkeiten sterilisiert wurden.
KSL.Köln-Mitarbeiterin Ira Vogt moderierte die Abendveranstaltung und leitete gegen Ende eine Fragerunde an, in der sowohl das Publikum als auch sie Impulse zur Diskussion gaben. Besonders betont wurde die aktuelle Relevanz der historischen Kämpfe: Die errungenen Rechte auf Selbstbestimmung und Autonomie seien durch das Erstarken rechtsradikaler Denkweisen erneut gefährdet.
Udo Sierck zeigte sich dennoch hoffnungsvoll und appellierte für einen fortlaufenden Kampf für die Rechte behinderter Menschen. Er ging auch auf die Hierarchien unterschiedlicher Behinderungsformen ein, die zum Teil innerhalb der Bewegung vorherrschen, und sagte: Alle, die sich als Teil der Selbstbestimmt Leben-Bewegung fühlen, gehören dazu. Es sei wichtig, zusammenzuhalten, gerade, wenn man dasselbe Ziel vor Augen habe.
Der Aktivist begeisterte und inspirierte das Publikum, das sich von seinen Berichten berührt zeigte. Zum Schluss kauften viele Besucher*innen Udo Siercks Buch, der alle seine mitgebrachten Exemplare loswurde.
Das KSL.Köln bedankt sich bei Udo Sierck für den mitreißenden Vortrag und beim Publikum, unter anderem der Bezirksbürgermeisterin Diana Siebert (Nippes), Marc Kersten (Grüne Chorweiler) sowie Bezirksbürgermeister Roland Schüler (Lindenthal), fürs Erscheinen!
