„Wir (Menschen mit Behinderung) sind viele, doch wir fallen nicht so auf.“ Um das zu ändern, kandidiert Laura Loscheider bei der Landtagswahl 2002 in Nordrhein-Westfalen (Wahlkreis: Köln IV). Die Initialzündung brachte ein Gespräch mit ihren BeWo-Mitarbeitern. In der Diskussion kam alles auf den Tisch, was Laura Loscheider an ihrer persönlichen Lage und an der Lage von Menschen mit Behinderung allgemein stört. Wohl eher im Spaß meint eine Mitarbeiterin: „Dann geh‘ doch in die Politik.“ Was zuerst so utopisch klang, reifte nach und nach zur Gewissheit. Laura Loscheider wollte den Schritt in die Politik wagen. Zunächst musste eine geeignete Partei gefunden werden. Nach intensiver Recherche entschied sie sich für Volt. Nicht nur weil ihr die Positionen der noch recht jungen Partei zusagten, sondern auch weil das Parteiprogramm in Leichter Sprache vorlag und so für sie, als Mensch mit anderen Lernmöglichkeiten, gut zu verstehen war. In der Partei war man schnell von ihrer offenen und engagierten Art begeistert. Sie stürzte sich voller Elan in die Parteiarbeit und half unter anderem dabei, das Wahlprogramm für die Bundestagswahl in Leichte Sprache zu übersetzen. Die Kolleginnen und Kollegen waren von ihrer Selbstständigkeit überrascht und von ihrem Engagement begeistert. So wuchs der gemeinsame Plan, ihr eine Kandidatur für den Landtag zu ermöglichen.

Wie alle anderen potenziellen Kandidatinnen und Kandidaten musste auch Laura Loscheider sich auf der Aufstellungsversammlung zu Landtagswahl in Recklinghausen den Parteimitgliedern präsentieren. Die bekannten Gesichter ihres Unterstützerteam im Publikum nahmen ihr schnell die anfängliche Nervosität und am Ende ihrer frei vorgetragenen Rede gab es stehende Ovationen der Anwesenden, die im Anschluss an die Veranstaltung in unzählige Glückwünsche mündeten. Spät in der Nacht ging es dann zurück nach Köln. Kurz bevor das Team Laura Loscheider in Chorweiler absetzte, kam die Nachricht des Ergebnisses: Platz sieben der Aufstellungsliste. Ein unglaublicher Erfolg.

Doch eine große Hürde war noch aus dem Weg zu räumen. Die Werkstatt für Menschen mit Behinderung, in der sie beschäftigt ist, stellte sich quer und wollte die Freistellung für den Wahlkampf nicht gewähren. Erst ein Schreiben des Vorsitzenden von Volt NRW brachte die Wende. Doch dann startete Laura Loscheider so richtig durch. Wie jeder Kandidatin und jedem Kandidaten wurde auch ihr ein Team zur Unterstützung zur Seite gestellt. Dieses Team unterstützt sie ganz individuell, es übersetzt, wenn nötig, in Leichte Sprache, kümmert sich um ihren Social-Media-Auftritt und begleitet bei Veranstaltungen. Bei Zahlreichen Wahlveranstaltungen und Podiumsdiskussionen trat sie engagiert und authentisch für ihre Herzensthema Inklusion ein. Vor allem der Kontakt zwischen Menschen mit und ohne Behinderung und das Thema Sonderwelten sind ihr wichtig. Und da weiß sie, als Expertin in eigener Sache, genau wovon sie spricht: „Bei uns in der Werkstatt gibt es kaum Selbstbestimmung. Deshalb fordere ich, dass es auch für Angestellte in Werkstätten so etwas wie eine Gewerkschaft geben muss. Dann hätten wir eine stärkere Stimme und es wäre nicht jeder auf sich allein gestellt.“ Auch im Bezug auf Förderschulen hat sie, aufgrund ihrer eigenen Erfahrung, Verbesserungswünsche: „Es müsste mehr Praktikumsplätze für Förderschülerinnen bei Unternehmen auf dem ersten Arbeitsmarkt geben. Die lehnen aber fast immer ab, wenn man von der Förderschule kommt. So gab es für uns oft nur Möglichkeiten in der Werkstatt. So ist der Weg von der Förderschule in die Werkstatt schon vorgezeichnet. Und man hat keine Chance eine andere Arbeit zu finden.“

Der Wahlkampf ist bis dahin eine durchweg positive Erfahrung für die Kölnerin: „Ich fühle mich ernst genommen, von Bürgern und auch von anderen Kandidaten. Es ist wichtig mit Menschen ohne Behinderung in Kontakt zu kommen und über Inklusion und Barrierefreiheit zu reden.“  Hinzu kommen zahlreiche positive Reaktionen auf Social Media. Auch im Werbespot von Volt hat Laura Loscheider ihren Platz gefunden. All das hat sie zu einer routinierten Wahlkämpferin werden lassen, die auf Veranstaltungen und in Gesprächsrunden ihre Frau steht. Erfrischend anders – selbstbestimmt und als Expertin in eigener Sache.

 

Disclaimer

Die Statements der Politiker*innen decken nicht die Positionen der gesamten Parteienlandschaft ab. Inhaltliche Verantwortung liegt bei den Parteien – nicht bei den Kompetenzzentren Selbstbestimmt Leben (KSL.NRW).

ich einzumischen, die Stimme zu erheben und sich zu äußern, sind immens wichtig, wenn sich auf der behindertenpoliitschen Ebene etwas verändern soll. Dennis Sonne nimmt sein aktives Wahlrecht in Anspruch. Und wir brauchen auch noch weitere Menschen mit Behinderungen, die sich aktiv in die Politik einmischen. Aber nicht immer braucht es die aktive Wahrnehmung. Die Ausübung des passiven Wahlrechts ist genauso wichtig. Ihr wisst noch nicht, wie das geht? Dann haben wir hier ein Erklärvideo für Euch.

Erklärfilm der KSL zur Landtagswahl 2022

https://www.youtube.com/watch?v=akz_lIGJRuw

Und hier gibt es noch mehr Informationen zu Wahlen allgemein und insbesondere zur Landtagswahl in NRW am 15. Mai.

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