„Wenn ich könnte, würde ich meine Behinderung dann ablegen?“

Das ist eine Frage, mit der ich mich in den vergangenen Jahren zu verschiedenen Anlässen immer mal wieder beschäftigt habe.
Doch zuletzt ist sie mir verstärkt über den Weg gelaufen und hat sich in meinem Hinterkopf festgesetzt. Zunächst bin ich ihr im Rahmen meiner Peer-Counseling-Ausbildung in Gesprächen mit Gerlinde Busch vom ZsL Mainz begegnet, dann in verschiedener Literatur zum Thema Disability Studies. Doch den entscheidende Anschub für diese Zeilen haben Diskussionen mit Studierenden der Uni Köln, an der ich unregelmäßig Vorträge halte, gegeben.

Vor allem Menschen ohne Behinderung reagieren oft überrascht oder gar mit Unverständnis, wenn ich diese Frage nicht inbrünstig mit einem klaren „ja“ beantworte. Die Beschäftigung mit diesem theoretischen Gedankenspiel ist weitaus komplexer, als es sich im ersten Moment offenbaren mag. Verschiedene Aspekte machen diesen Prozess sehr individuell. Diese Aspekte können zum Beispiel sein: Art der Behinderung, Persönlichkeit, Community, Alter, Lebenserfahrung, Behinderung von Geburt an oder später erworben.

Vorweg muss ich sagen, dass ich hier keine klare Antwort auf die Frage „Wenn ich könnte, würde ich meine Behinderung dann ablegen?“ werde geben können. Das Interessante ist aber vielmehr die Auseinandersetzung mit der Fragestellung, als deren eigentliche Beantwortung. Zunächst ist wichtig festzuhalten, dass ich davon ausgehe, dass eine Behinderung der betroffenen Person „Schwierigkeiten“ bereitet, aber nicht zwangsläufig zu einem unerfüllten Leben führt. Meine Sehbehinderung macht mich weder minderwertig noch bemitleidenswert. Mein Leben ist nach meinen individuellen Maßstäben erfüllt (zugegeben mal mehr, mal weniger), so wie jeder individuelle Maßstäbe für sein persönliches Glück anlegt. Vielleicht weichen meine etwas häufiger von der gesellschaftlichen Norm ab. Grund dafür ist sicherlich meine Behinderung, die einen Teil meiner Persönlichkeit ausmacht. 

Meine fortschreitende Sehbehinderung, die sich erst in meinen 20ern bemerkbar gemacht hat, hat mein Leben merklich beeinflusst. Und da ich einen „vorher-nachher-Vergleich“ habe, gibt es natürlich Dinge die ich „verloren“ habe. So bin ich zum Beispiel bei manchen sportlichen Aktivitäten eingeschränkt und auch den Besuch im Fußballstadion, das Autofahren und einiges mehr vermisse ich. Nichtsdestotrotz hat die Auseinandersetzung mit meiner Behinderung meinen Horizont erweitert und meine persönliche Entwicklung (in meinen Augen) positiv geprägt. Diese Entwicklung wurde stark durch meine Arbeit beim KSL und die damit verbundene Philosophie der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung unterstützt. So ist es mir nun eher möglich meine Lebenssituation im Allgemeinen und den Einfluss der Behinderung im Speziellen differenziert zu betrachten. So verkleinert meine Sinneseinschränkung meine unmittelbar erlebt Umwelt. Auf der einen Seite bewerte ich dies in manchen Situationen negativ. Auf der anderen Seite bin ich weniger Reizen ausgesetzt, was mich entspannter durch das Leben gehen lässt. Dies ist nur ein Beispiel von vielen. Ich glaube, man kann sagen: Ich habe meine Behinderung als Merkmal meiner Persönlichkeit angenommen. Ein Merkmal, das nicht per se defizitär behaftet ist, sondern eines das negative, wie positive Auswirkungen auf mein Wohlbefinden haben kann. Oft ist sie aber auch gänzlich ohne Einfluss.

Wie bereits vorweggenommen, kann ich die Frage „Wenn ich könnte, würde ich meine Behinderung dann ablegen?“ nicht generell beantworten. Die Antwort ist immer stark situationsabhängig und emotional geprägt.

Text: Christoph Tacken, KSL Köln

Das Bild zeigt vier rote Kerzen, von denen eine brennt.