Im Rahmen einer Projektwoche der fünften Klassen der Gesamtschule Hürth führten Ira Vogt und Luisa Kempf vom KSL Köln fünf Sensibilisierungsworkshops durch. Im Mittelpunkt der interaktiven Veranstaltungen standen nicht-sichtbare sowie Sinnes- und Körper-Behinderungen.
Gemeinsam mit den Schüler*innen wurden Inhalte erarbeitet, reflektiert und anhand von Alltagsbeispielen greifbar gemacht. Die Referentinnen und die Schüler*innen tauschten sich intensiv über Erlebnisse, Erfahrungen und Barrieren aus. Viele der Teilnehmer*innen berichteten dabei von ihren persönlichen Berührungspunkten, Vorkommnissen und Schwierigkeiten.
Der erste Teil der Workshops konzentrierte sich schwerpunktmäßig auf nicht-sichtbare Behinderungen. Es wurden Erfahrungen mit Epilepsie, Reizüberflutung und ADHS thematisiert. Auch Stigmatisierungen und Beleidigungen, die auf Basis von Behinderungsformen erfolgen, kamen zur Sprache. Eine neue Erkenntnis für die meisten Teilnehmer*innen war die Existenz des Symbols für nicht-sichtbare Behinderungen: die Sonnenblume. Menschen, die dieses Symbol tragen, zeigen auf diskrete Weise, dass sie eventuell Unterstützung und/oder mehr Zeit benötigen.
Im Bereich der motorischen Behinderungen basieren die Erfahrungen vieler Teilnehmer*innen darauf, dass Bekannte, Verwandte oder Freunde einen Rollstuhl nutzen. Daher waren einige Barrieren bereits lebenspraktisch bekannt. Es wurde zudem von Verwandten berichtet, die aufgrund von Unfällen auf Krücken oder im Alter auf Rollatoren angewiesen sind. Damit wurde der Bogen geschlagen, dass Barrierefreiheit nicht nur für Menschen mit Behinderungen förderlich ist, sondern für alle ein Gewinn darstellt.
Nach einer kurzen praktischen Einführung in die Deutsche Gebärdensprache (DGS) begrüßten sich die Teilnehmer*innen eifrig, stellten sich vor und entwickelten neue Gebärden. Dabei stellte sich heraus, dass es scheinbar keine fest etablierte Gebärde für „Hürth" gibt. Die Schüler*innen wurden hier kreativ und ersannen mehrere eigene Varianten. Auch der persönliche Austausch kam in diesem Abschnitt nicht zu kurz.
Der letzte Schwerpunkt lag im Bereich der Sehbehinderungen sowie den damit verbundenen Barrieren und Unterstützungsmöglichkeiten. Bekannt waren bereits das Blindenleitsystem, Assistenzhunde und die Brailleschrift, die gemeinsam ausprobiert wurde. Dies geschah anhand eines Bilderbuches sowie durch das „Schreiben" der Wörter „Pause" oder „Schulhof" an der Tafel – ein Hinweis auf den entsprechenden nächsten Tagesordnungspunkt.
Die Schüler*innen zeigten sich durchgehend interessiert, offen und wissbegierig, was eine angenehme und lebendige Arbeitsatmosphäre ermöglichte. Besonders spannend für die Kinder war die praktische Erfahrung nach der Pause: Sie durften einen Rollstuhl an einer Rampe nutzen, Langstöcke am Leitsystem der Schule ausprobieren und dabei verschiedene Masken oder Brillen tragen, die Blindheit oder Sehbehinderungen simulierten. Außerdem schenkten sie sich blind Wasser ein, zählten ohne Sehhilfe 1,37 € ab und ertasteten das Wort „danke" in Brailleschrift. In drei der fünf Klassen wurde zudem eine Reizüberflutungssituation simuliert.
So gelang ein echter Perspektivwechsel: Die Schüler*innen erlebten, wie sich Menschen mit diesen Behinderungen im Alltag fühlen können. Sie merkten, dass Rampen zu steil sein können, dass Menschen drängeln, weil es ihnen nicht schnell genug geht, oder dass Leitsysteme zu Leidsystemen werden, wenn sie zugestellt sind. Ihnen wurde jedoch auch bewusst, dass sie diese Simulation jederzeit wieder beenden können, während Menschen mit Behinderungen dauerhaft vor solchen Barrieren stehen.
Insgesamt waren die Workshops von einem respektvollen Miteinander, einer hohen Beteiligung und einem großen Interesse am Thema geprägt. Wir danken allen Beteiligten für die engagierte Teilnahme und der Gesamtschule Hürth für die Einladung zu dieser Projektwoche. Wir freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit!